Kain Essener: "Sie" im Cafè Zeitlos



Am Abend des vorigen Tages war er wieder unterwegs gewesen, hatte wieder eines "seiner" Lokale aufgesucht.
Dort hatte er ein Glas Sekt und Cafe Espresso getrunken, an der Bar gesessen und den Ort nach einer Frau und eventuellen Gegebenheiten für eine Ausstellung seiner Bilder mit Blicken abgetastet.
Die Örtlichkeit, so angenehm er sie empfand, erschien ihm für eine Ausstellung seiner Bilder ungeeignet – die Räumlichkeit wurde aus einem, vom Architekten sehr geschickt in ein größeres Bauwerk eingefügten Glasgehäuse gebildet, welches sich in U-Form um die Theke in der Mitte herauskristallisiert hatte - die Theke selbst hatte als "gläsernes Herz" ein Regal mit einer efema-Kaffeemaschine erhalten.
Zwar bot der Raum Bereiche wie Glaserker, in die man sich zurückziehen konnte, aber kaum ein, zwei geschlossene Wandflächen, die einem Sitzenden Rückenschutz oder Bildern Aufenthalt boten.
An besagtem Abend jedoch hatte der Ort ein anderes Zentrum gefunden. Sie, großgewachsen, schlank wie er, zierlich jedoch, nicht dünn wie er, sondern filigran, fein, nicht licht, aber hell und dennoch mit einer sicheren Schwere, die sich besser als ,,Bedeutung" fassen lies – sie stand in der Mitte, bei der Theke, sortierte aus und in die Mappen, die als Karten dienten, zerriss mit ihren so zart erscheinenden, kräftigen Fingern, deren langgewachsene, sorgfältig gepflegte Nägel herrlich schimmernd mit perlmuttrosa Lack belegt waren, sie zerriss damit so manches Papier, ersetzte es durch Neues und gab Bedienungen Order - sicherlich die Geschäftsführerin.
Gedanklich flirtete er mit ihr, man war sich schnell im klaren, dass sich Pferde gemeinsam viel besser stehlen ließen, und er erhaschte einen Duftgruß von ihrem blonden, dauergewellten Haar, leicht schwefelig erhitzt und doch duftig riechend - Haar, welches ihr offen auf die Schultern herabfiel, dabei ein Gesicht umrahmend, welches ihm nur als still, gefasst beherrscht, elfenbein elfenhell zu beschreiben war. Haar, das auf Schultern herabfiel, welche sie in einen modisch dreieckig angeschnittenen, caramel gefärbten Blazer aus Cashmere gehüllt hatte. Wie er später sehen sollte, trug sie dazu einen anthrazitfarbenen, schlank geschnittenen, knielangen Rock. Gründeten ihre Füße in dazu passenden schwarzen Pumps?
Sie ging nun um die Theke herum, blieb stehen, um einige Worte dezent und akzentuiert mit einer als Gäste anwesenden Gruppe von Italienern zu wechseln, Italiener, die ihr Äußerliches nach dem Macho-Stile ausgerichtet hatten, ging dann weiter mit der ihr eigenen zarten, bestimmten Festigkeit und schritt so an seinem Thekenplatz vorüber zur Türe, die zur Küche führte. Dort gab sie in der ihr eigenen Art im Gespräche Anweisung, kehrte um, nun wieder in seine Richtung blickend und schreitend, als sich ihre Augen trafen.
Er sah sein Gesicht in dem ihren und sah sich in ihr als Spiegelbild eines nicht hartherzigen, doch mit angehaltenem Atem lebenden, nicht gefühllosen, doch Gefühl zurückhaltenden, des Lebens Rauhigkeit ratlos gegenüber Stehenden, welcher in sich selbst mit der Erkenntnis der eigentlichen Leichtigkeit, Einfachheit des Seins konfrontiert war. Abrupt wandte sie ihr Angesicht zur linken Seite und ging hastig an ihm vorüber. Er zahlte und ging wortlos.




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