Kain Essener und das Geheimnis des Glaubens 


Früher ein- oder zweimal war Kain Essener Christ gewesen – katholischer Christ.
Nach seiner Erstkommunion, als sie ihn so richtig in ihre Gemeinschaft aufgenommen hatten – danach kam nur noch die Firmung – durfte er am Heiligen Abendmahl teilnehmen. Dabei hielt ihm der Priester eine kleine Oblate entgegen und sagte dazu: Der Leib Christi. Kain hatte dann jedes Mal Amen dazu gesagt – ja, so sei es. Ein weiteres Lamm Gottes, aufgenommen in die Herde des Herrn, der Priester, der Pastor der Hirte.

Kain Essener entwickelte im Laufe seines Lebens eine gewisse Skepsis gegenüber monotheistischen Hirtenreligionen. Inzwischen war er Buddhist. Christus wollte er nie mehr essen und vergessen.
Wenn Kain den Worten der Priester Glauben schenkte, hatte er tatsächlich Menschenfleisch gegessen. So etwas wurde ja ausführlich in Filmen wie Hannibal, Roter Drache und Das Schweigen der Lämmer kolportiert. Zumindest dachte Kain Essener jetzt immer wieder an solche Filme, wenn er an das Abendmahl dachte. Ja, die Werte der christlich-abendländischen Kultur…

Menschenfresser gab es eigentlich nur noch ganz selten. Selbst die Menschen auf Neuguinea und die Maori hatten sich inzwischen auf alternative Nahrungsmittel umgestellt. Nur die Katholiken hielten noch an den alten Praktiken fest, gedanklich zumindest.

Andererseits konnte sich Kain eben noch gut daran erinnern, dass ihm der Priester nur eine Hostie entgegenhielt, eine Oblate aus Mehl und Wasser, die zudem noch recht fade schmeckte.
Ein saftiger Schweinebraten mit Kruste, mit Knödeln, Dunkelbiersoße und Krautsalat schmeckte Kain besser – selbst ihm als Buddhisten. Davon wurde er wenigstens satt. Doch schmeckte der Braten nur, wenn er zuvor vergaß, welche Leiden und Qualen diese Tiere in den Schlachthäusern seiner Zeit im Hier und Jetzt erlitten. Tiere – andere lebendige Wesen wie er auch.

Abgesehen davon: der Priester hatte offensichtlich und anscheinend auch absichtlich gelogen. Christen und Juden durften eigentlich nicht lügen. Du sollst nicht lügen – falsches Zeugnis ablegen - war sogar eines der 10 Gebote. Somit konnte der Priester eigentlich kein rechter Christ sein. Was sollte Kain noch glauben? Also hörte er einfach auf, zu glauben. Manchmal ertappte er sich aber dann doch wieder dabei.

Der Leib Christi – biologisch-dynamisch – ein nachwachsender Rohstoff? So oft, wie er verfüttert und gegessen wurde. Hergestellt aus Wasser und Mehl - glutenfrei? -  in Klosterbäckereien und geheiligt. Entscheidend war, wie Kanzler Kohl gesagt hatte, was hinten raus kommt. Das Geheimnis des Glaubens war es nur noch selten – Liebe zwischen den Menschen. Wieder einmal ein Vergessen für das, was Mensch und Mann sein auch sein konnte? Konnte. Erkennen – kennen – können. Eine Art, zu leben.

Christus hatte diese Liebe zwischen den Menschen gelebt und zu lehren gesucht. Er hatte dafür sein Leben gegeben. Er hatte seine Nachfolger mit der Transsubstantation beauftragt. Das vergaß Kain Essener Ihm nicht. Auch nicht als Buddhist. Und so weit und so fern wollte Kain die Priester auch von der Lüge frei sprechen. Für ihn blieb eine Oblate eine Oblate.

Als sich Kain Essener zum buddhistischen Sein bekannte, hatte er seine Zuflucht genommen – zu Buddha, seiner Lehre und zur Gemeinschaft. Die Gemeinschaft, in der Kain Essener lebte, war christlich. Die Welt war eine Scheibe. Manchmal, wenn er ruhte. Wenn er ging, war sie eine Kugel. Groß und klein, rund und bunt. Die Menschen – das Salz der Erde. Es gab auch christliches Salz.

 

 

Klaus Gölker   ©2012   | Home |